Acustica Audio Azure und die Acustica Technology

Da sind wir nun. Das Jahr 2018 ist frisch angebrochen und noch immer hört man die Stimmen derer, die laut schreien: “Software wird Hardware niemals ersetzen!!!  Was wollt ihr Slates, Waves und Softuber?! Ihr seid nur schlechtere Kopien!” – doch die Stimmen sind leiser geworden. Klar: Software ersetzt analoges Outboard (noch) nicht vollständig auf gleichem Niveau, aber die Softwareentwickler und Audioschmieden sägen ganz schön am Hardware-Thron der SSLs, Neves, APIs und wie sie sonst noch heißen. Mittlerweile auch mit vollster Unterstützung verschiedenster Hardwarehersteller. Schafft es die italienische Firma Acustica Audio mit ihrer eigens entwickelten Convolution-Technologie, die Stimmen der Kritiker noch leiser werden zu lassen? Schafft es deren neuer Mastering EQ AZURE? Wir haben ihn getestet und nach Anhaltspunkten zur Beantwortung dieser Fragen gesucht!

 

Ein Überblick

Mit AZURE präsentiert Acustica Audio die Emulation eines KNIF Soma EQs, einem passiven Mastering-Röhren EQ der Extraklasse. Als Hardware müsst ihr für das Teil etwas mehr als 8000,00 Euro auf den Tisch legen. Stöbert ihr ein wenig im Netz, dann steht dieser EQ in vielen namhaften Masteringstudios. Anwender bezeichnen diesen EQ als unauffällig und keinem typischen EQ-Sound zuzuordnen. Bis man ihn ausschaltet – denn dann fehlt er. Einige Schlagwörter, die immer wieder fallen sind: Transparent, dynamisch, groß, lebendig, musikalisch etc. Auch das Wort Allrounder fällt gelegentlich.

So viel zur Hardware. Aber was kann die Software? Da wäre zunächst sicher der Preis des Plugins voranzuschicken: Mit 143,65 Euro Einführungspreis ist dieses Plugin sicher eine Überlegung wert. Zumindest dann, wenn Acustica Audio die Emulation des Originals gelungen sein sollte. Aber dazu später mehr. 😉

Schauen wir uns das Plugin von außen an:

Optisch präsentiert sich die GUI des AZURE in einem anderen Gewand als das Hardwarevorbild. Beim Funktionsumfang gleichen sich Soft- und Hardware jedoch in allen Parametern. Das GUI-Design des AZURE ist schön anzuschauen und nach wenigen Minuten mit dem Plugin sind Parameter und Bedienung klar. Wer das Hardwaregerät schon einmal in Händen halten durfte, der wird sich an die gummierten, griffigen und gerasterten Potis des KNIF Soma erinnern. Beim Plugin geht uns dieses Erlebnis natürlich verloren. Auch hier sind einige Parameter gerastert und können nur auf feste Werte eingestellt werden. Leider fehlt einem beim Mausschieben die sensorische Rückmeldung eines Einrastens oder ein klickendes Geräusch. Aber das ist wohl Jammern auf hohem Niveau und sollte nicht weiter ins Gewicht fallen.

Bevor wir zum Funktionsumfang des AZURE kommen, möchte ich eure Aufmerksamkeit auf den Schriftzug im linken GUI-Bereich hinweisen: “Zino Mikorey Mastering”. Hinter diesen unscheinbaren drei Worten steht das gesamte Design des AZURE. Holen wir mal aus:

Das besondere an Plugins der italienischen Firma Acustica Audio ist deren neuartige Convolution-Technologie, die im Groben Hardwaregeräte mit Hilfe von Impulsantworten nachbildet. Wer jetzt an Faltungshall-Plugins denkt, der bewegt sich auf dem richtigen Pfad, aber später mehr dazu. Acustica Audio haben sich während der Entwicklungsphase des AZURE den Berliner Masteringingenieur Zino Mikorey geschnappt und dessen Knif Soma EQ durch Impulsantworten nachgebildet. Soweit wäre das ja schon ein brauchbares Ergebnis gewesen. Acustica Audio sind weiter gegangen und haben auch Mikoreys AD/DA-Wandler, Kabel sowie die Schaltungen seiner Masalec-Transfertkonsole nachgebildet. Wer jetzt denkt: “Brauche ich nicht.” – Kein Problem: Diese zusätzlichen Emulationen sind deaktivierbar.

Kommen wir zum Funktionsumfang:

Der AZURE ist ein vollparametrischer 4-Band-Stereo-EQ, der auch im M/S-Modus betrieben werden kann. Die 4 Bänder für den rechten und linken Kanale bzw. das Mitten- und Seitensignal lassen sich unabhängig voneinander oder gemeinsam bearbeiten. Die vier Bänder LF, LMF, HMF und HF lassen sich seperat aktivieren. Wie bei einem vollparametrischen EQ zu erwarten, besitzt jedes Band einen Gain-Poti (mit -7/+7 dB Gain) sowie einen Q-Poti zur Einstellung der Filtergüte mit jeweils vier Bell- und einer Shelf-Einstellung (0,5 / 0,7 / 1,0 / 1,5 / Shelf). Das LF-Band geht dabei in gerasterten Einstellungen von 27 Hz bis 440 Hz. Das LMF-Band von 100 Hz bis 1,8 kHz. Das HMF-Band von 560 Hz bis 10 kHz sowie das HF-Band von 1,5 kHz bis 27 kHz.

Oberhalb der EQ-Sektion findet man die Input- und Output-Gainregelung sowie die Filtersektion mit Lo- und Hipass-Filtern. Während die Gainregelung stufenlos arbeitet, können bei den Filtern nur feste Werte eingestellt werden. Lo-Pass: 24 kHz, 20 kHz, 17 kHz, off. Hi-Pass: 25 Hz, 33 Hz, 50 Hz, off. Genau wie die EQ-Sektion, kann die Filtersektion seperat aktiviert werden.

Mittig in der GUI findet ihr noch die Schalter M/S sowie C L. Mittels des C L-Schalters koppelt ihr die Bearbeitung der Stereokanäle bzw. des Mitten- und Seitensignals. Mittels des Schalters M/S schaltet ihr zwischen besagten Modi Stereo und M/S um. Die große Frage aber zuletzt: Was soll diese riesige Lampe in Mitten der EQ-Front? Wer aufmerksam gelesen hat, erinnert sich daran, dass Acustica Audio auch Zino Mikoreys Wandler, Kabel und Konsole emuliert haben. Durch anklicken der großen LED in Mitten der Azure – GUI schaltet ihr diese zusätzlichen “Klangfaktoren” ein oder ab. Heißt: Nur die Emulation des Knif Soma EQs oder mit weiteren Hardwarekomponenten wie Kabel, Wandler, Konsole.

Jetzt natürlich die Frage: Wie klingt das Teil eigentlich? André und Miro aus der Audiosteps-Redaktion haben dazu ein kleines Overview- und Review-Video veröffentlicht: Zum Video Review

 

Unter der Haube: Rechenleistung und neue Technologien

Seid ihr nach dem Video angefixt? Habt ihr euch die Demo des Plugins besorgt?

Eines wird euch sicher sofort aufgefallen sein: Der AZURE benötigt einiges an Rechenleistung und VST-Power. Wir haben uns gefragt: Muss das denn sein?! Nach einem tieferen Einblick in die Acustica Technologie können wir diese Frage zumindest nicht mehr verneinen. Im Inneren passiert eine ganze Menge – und zwar folgendes:

Ein Audiosampler ist in der Lage, Audio Samples aufzuzeichnen und wiederzugeben. Man denke da an Plugins wie Kontakt von Native Instruments oder den hier bereits vorgestellten TAL-Sampler. Im Prinzip macht die Technologie hinter AZURE nichts anderes. Die Acustica Technologie ist in der Lage, den Audioprozess einer Hardware oder Software zu emulieren, indem deren Impulsantworten, harmonischen Verzerrungen, Dynamikantworten, Laufzeiten etc. nachgebildet werden. Wer hierbei an das Prinzip eines Faltugshalls denkt, der bewegt sich auf der richten Fährte. Nur eben nicht ganz:

Bei der klassischen Faltung nutzt man eine statische Impulsantwort innerhalb eines linearen Systems zur Darstellung eines Raums oder Schaltungseigenschaft. Statisch bedeutet, dass sich diese nicht in Impulsstärke etc. verändert, sondern immer die gleiche Information liefert.

Einen Schritt weiter und wir befinden uns bei der dynamischen Faltung. Hierbei liegen mehrere Impulsantworten vor, die sich in ihrer Amplitude – ihrer Dynamik unterscheiden. So sind realistischere Abbildungen möglich. Dieser Prozess findet sich in vielen Faltungshall-Plugins.

Acustica Audio gehen den nächsten Schritt: Hier werden zur Berechnung der Faltung Volterra Reihen verwendet. Die Mathematiker unter euch werden jetzt sagen: “Ahhhhh!!”. Alle Anderen werden sich fragen, was Volterra Reihen sind. Kurz zusammengefasst finden Volterra Reihen Anwendung in der Systemtheorie und werden zum berechnen Nichtlinearer Systeme verwendet. Das System wird nun nicht mehr durch eine einzelne Impulsantwort  wie bei der klassischen Faltung repräsentiert, sondern durch eine Vielzahl von Berechnungen basierend auf den Volterra Reihen. Diese erzeugten Berechnungen werden in Form von Audiodateien, den Impulsantworten gespeichert. Insgesamt kann man also sagen, dass jede noch so kleine Einstellung mittels speziellem Objektivs “abfotografiert” wurde, um eine möglichst authentische Emulation zu ermöglichen. Ein DSP emuliert andere DSPs.

Von Seiten der Programmierung her, wird die Acustica Technologie durch die Nebula-Core-Technologie ermöglicht. Die sogenannten Nebula Application Tools (NAT) ermöglichen dabei das Sampeln verschiedenster Hard- und Software-DSPs. NAT unterstützt dabei jetzt schon die Realisation von Preamps, EQs, Konsolen, Bandmaschinen, Dynamics, Reverbs, Delays, Mikrofonen etc. Die NAT wurde dabei im Nebula Plugin umgesetzt. Dieses trägt die Basis für alle auf Nebula basierenden Plugins – also auch AZURE.

Damit mehrere Nebula-Plugins nebeneinander funktionieren benötigt ihr ein Programm, welches alle Parameter und Instanzen bei der Installation voreinstellt und verwaltet. Dies übernimmt das Acqua-Plugin, welches Ihr zur Installation eurer Acustica Audio-Plugins benötigt. Ich würde mal soweit gehen und Aquarius damit nicht als klassisches Lizenzmanagement – Tool zu sehen 😉

Ihr seht: Da steckt eine ganze Menge Berechnungsleistung im Plugin, um die detailgetreue Emulation hinzubekommen. Auf all unseren Testsystemen (PC (AMD) und MAC (Intel) mit Studio One 3.5 und Logic X hatten wir um die 20% VST-Systemlast (Realtime). Das ist schon ganz schön viel, wenn man bedenkt, dass im Mastering ja auch noch das ein oder andere Plugin dazukommt. Wir werden sehen, was Acustica Audio in der Zukunft weiter optimieren kann, um diesen Wert zu senken.

System 1: macOS 10.13.3 – Macbook Pro (2017) | Intel i7-7820 | 16GB DDR4
System 2: macOS 10.13.3 – Mac Pro 5,1 (2012) | Intel Xeon x5680 12-Core | 48GB ECC DDR3
System 3: macOS 10.11.6 – Mac Pro 5,1 (2010) | Intel Xeon x5690 12-Core | 32GB ECC DDR3
System 4: Windows 10 | AMD FX 8350 8-Core | 32GB DDR 4

Ein Fazit in Klang und Usability

Der Azure EQ überzeugt durch ein sattes Lowend, butterweiche obere Mitten und Höhen und ausreichend Headroom. Die vier überlappenden Frequenzbänder mit jeweils +/-7 dB Gain und Schaltfrequenzen lassen sich wahlweise als Bell oder Shelf betreiben. Die einzelnen Bänder sowie die Hoch- und Tiefpassfilter lassen sich zudem separat aktivieren. Das Plugin besticht mit ansprechender GUI und überzeugt nicht zuletzt durch überragende Klangqualität und einem unverkennbaren Analogcharakter. Die MS Funktion und das Linken bzw. un-linken der Kanäle runden das Gesamtbild dieses Mastering-EQ-Plugins ab.

Der große “Leistungshunger” des Plugins muss vom Hersteller weiter eingedämmt werden, sonst macht diese Emulation des Knif Soma EQ in größeren Projekten sicher keinen Spaß.

Das unendlich geniale Preis-Leistungsverhältnis, macht den AZURE aber jetzt schon zum Must-have-Mastering-EQ.

Zum Acustica Audio AZURE Video-Review geht es hier entlang!

Schreibt uns eure Fragen zum AZURE Plugin oder zu Acustica Audio unten in die Kommentare. Gerne leiten wir diese an Acustica Audio weiter und werden versuchen diese zu beantworten.

Author: Birger Nießen

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Comment (5)

  1. Danke für die Beschreibung der Technik unter der Haube.

    “Lo-Pass: 24 kHz, 20 kHz, 17 kHz, off. Hi-Pass: 25 kHz, 33 kHz, 50 kHz, off. ” – da habt ihr teilweise khz mit hz verwechselt.

    LG
    Gregor

  2. Es wäre vielleicht noch interessant etwas zu den verschiedenen AZURE Version zu sagen. Neben der normalen AZURE Version gibt es ja noch AZURE HQ und AZURE HQZL.
    Ich gehe mal davon aus, dass das verschiedenen Qualitätstuffen sind.
    Aber genaueres habe ich dazu bis jetzt nirgends gefunden.

  3. Hey Gregor,

    Die HQ sind erst vor kurzem mit einem Update hinzugekommen.

    Hier eine kurze Erklärung von Acustica Audio dazu: The CPU load for the HD version is quite huge, but the sound is a little miracle for ITB plug-in. Basically we are running nearly 1sec long kernels (impulses) and now have perfect phase right up to 48k at 96k sample rate.

    Grüße! André

  4. Hey André,

    Habe ich mir schon fast gedacht. Danke für die Bestätigung.
    Ich fand auch gerade, durch das neue Cream Plugin heraus, dass die AZURE HQZL Version noch zusätzlich Latenz frei läuft: “For each plugins included in Cream suite there is a “Standard” version or an alternative “ZL*” version which operates at *zero latency at the cost of extra processing resources and is thus suitable for use when tracking.”
    Das braucht dann aber ordentlich Rechenpower^^

    Grüße – Gregor

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