Der „moderne“ Musikproduzent Teil 1

Vor der Produktion: Beobachten, hören, Entscheidungen treffen!

Die Musikproduktion hat sich über die Jahrzehnte deutlich verändert. In den Anfängen nur Wenigen vorenthalten und für viele Musiker kaum erschwinglich in der Technik, hat sich mit dem Einzug digitaler Systeme und immer mehr Rechenleistung für Home- und Budgetstudios ein deutlicher Wandel verzogen. Mit dieser Entwicklung hat sich auch die Rollenverteilung im Musikproduktionsprozess verändert. Konnte man früher davon ausgehen, dass eine Band oder ein Musiker ein Studio buchte und gemeinsam mit einem Produzenten, Recording- und anschließend einem Mixdown-Engineer zusammenarbeitete, heißt es heute häufig: Der Songwriter ist Alles in einer Person. Der Mix entsteht teilweise schon während des Songwriting oder Produktionsprozesses. Eine Band geht dabei sicher anders vor, als ein Solokünstler, der seine Songs in den eigenen vier Wänden erstellt und natürlich gibt es auch die klassischen Rollen weiterhin, jedoch haben sich auch diese im Rahmen der heutigen Möglichkeiten verändert.

Unser mehrteiliger Blog richtet sich vor Allem an die Allrounder. Also diejenigen, die eigene Musik schreiben, aufnehmen und häufig auch während des Schreib- und Produktionsprozesses (vor)mischen. Hier möchten wir euch ein paar Gedanken für eine erfolgreiche Umsetzung an die Hand geben. Aber wie immer gilt: Viele Wege führen nach Rom!

Gehen wir zunächst einmal davon aus, ihr seid Teil einer Band oder wurdet angehalten, eine Band aufzunehmen, hier auch als Produzent zu arbeiten und im Anschluss zu mischen. Vielleicht mastert ihr eure Musik danach auch selbst?! In jedem Falle könnt ihr euer Projekt in drei Phasen einteilen, in deren Verlauf ihr Entscheidungen treffen müsst, die Erfolg oder Desaster bedeuten können:

  1.       Die Vorbereitung / Das Kennenlernen
  2.       Aufnahmen und Fundamente legen
  3.       Mix und Produktion

Heute soll es zunächst um Punkt 1 gehen.

Die Vorbereitung / Das Kennenlernen

Wie soll man etwas produzieren, aufnehmen und dem Werk dann einen eigenen (Sound-)Stempel aufdrücken, wenn man nicht weiß, was auf einen zukommt? Gar nicht! So vieles kann schief gehen. Minimieren wir die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert!

Mein erster Besuch würde dem Proberaum der Band gelten und dort erhalte ich bereits durch genaues Beobachten und Hören sehr viele Informationen, die zur weiteren Planung meines Vorgehens sehr hilfreich sein können. Ich muss nicht viel sagen oder fragen. Ich bin zunächst stummer Besucher, den es einfach interessiert, was liefern die Damen und Herren da ab. Für mich hat diese Phase der Beobachtung mehrere Ebenen, die eng miteinander zusammenhängen:

 

Die soziale Komponente:

Wie ist die Band untereinander aufgestellt? Gibt es einen Bandleader, der das letzte Wort hat? Werden alle Entscheidungen Basisdemokratisch getroffen? Sind alle gelassen und entspannt oder gibt es Poser, die Alles besser wissen? Ist die Band kritikfähig oder ständig beleidigt, weil ihr konstruktiv-kritische Anmerkungen macht?

Versucht in euren Beobachtungen zu verstehen, was zwischen den Bandmitgliedern passiert! Verhalten sich die Mitglieder wertschätzend miteinander, kommen so gemeinsamen zu Entscheidungen oder ist es ein langes Tauziehen um einzelne Noten, die dazu führen können, dass eine Produktion nie zu Ende geführt wird.

Habt ihr nach einigen Treffen ein genaueres Bild vom sozialen Gefüge, wisst ihr, wie ihr wie oder mit wem ihr sprechen müsst, um zum Ziel zu gelangen. Vielleicht bemerkt ihr auch, dass eine Zusammenarbeit nicht möglich ist. Dann habt den Schneid, euch dies einzugestehen und der Band offen mitzuteilen!

 

Das spielerische Niveau:

Welches spielerische Niveau erreicht die Band? Spielen die Musiker insgesamt „songdienlich“ und zusammen oder soloieren alle Musiker gleichzeitig? Können die Musiker Ihre Instrumente bedienen oder fallen Einzelne aus? Wie ist das Mikrotiming untereinander? Was will die Band eigentlich erreichen? Wie diszipliniert ist das Treiben der Musiker?

Ich stelle mir diese Fragen immer vor jeder Produktion. Meist beginne ich jedoch mit der letztgenannten: „Was will die Band eigentlich erreichen?“ Wurde ich gerufen, um ein gutes Demo aufzunehmen? Sollte ich einfach mal den bisherigen Stand dokumentieren? Will die Band ein sehr gutes Demo für ein Label produzieren? Geht es um DAS Album? Diese Frage kann darüber entscheiden, wie hart ich mit einer Band umgehe bzw. wie sehr ich die Bandmitglieder treiben kann/darf, um das Beste aus sich herauszuholen. Je nach Messlatte lasse ich fünf auch mal grade sein.

Beim Betrachten des „spielerischen Niveaus“ entscheidet sich auch, wie groß mein späterer Arbeitsaufwand ist. Benötige ich für die Drums doch 300 Takes? Zeit ist Geld. Oder muss ich einen anderen Studiomusiker einladen, der den Job macht.

In jedem Falle gilt: Seid fair mit der Band und haltet den Ball flach. Auch hier zählt Offenheit und Ehrlichkeit! Vielleicht ist es sinnvoller der Band zu sagen: Leute, ihr seid noch nicht so weit. Gebt euch noch 2-3 Monate und probt euer Zeug! Bleibt emphatisch! Der Spruch: Üben ist Betrug an den Mitmusikern gilt nicht!

Das Songmaterial

Puh, endlich geht’s auch mal um die Musik der Band! Gut! Wie viele Stücke will die Band aufnehmen? Wie lang sind die einzelnen Nummern? Welcher Stil ist gefragt? Sind die Songs zu lang? Zu eintönig? Bekämpfen sich Instrumente in einzelnen Songparts ? Müsste der Song 2 Halbtöne tiefer gestimmt sein, damit der Sänger optimal damit umgehen kann?

Ist das Songwriting so weit fortgeschritten, um Aufnahmen machen zu lassen?

Im nächsten Teil des Blogs gehen wir auf diesen Punkt genauer ein und geben euch einen detaillierten Beobachtungsplan an die Hand.

Die technische Ausstattung

Zur technischen Ausstattung gehören für mich drei Dinge: 1) Was hat die Band an Technik (Amps, Instrumente etc.) zur Verfügung und wie beeinflusst dies deren Klang? 2) Welche technischen Mittel habe ich, um die Aufnahmen/Produktion erfolgreich durchzuführen? 3) Wie klingt der Proberaum, in dem ich vielleicht aufnehme und was macht der Sound des Raums mit dem Songwriting der Band?

In einem Teil des Blogs werden wir auch auf diese Frage genauer eingehen! Zunächst sei jedoch gesagt: Beobachtet auch dies sehr genau! Hört hin! Sind die vorhandenen Materialien in technisch einwandfreiem Zustand? Spielt der Gitarrist immer über die gleiche Gitarrenbox oder wird hier wild durchgewechselt? Können die Musiker mit ihrem Equipment umgehen oder ist Alles eine Frage von Trail & Error? Auf der anderen Seite: Habe ich die nötigen Mikros oder Di-Boxen mit Splitter zum Aufnehmen des reinen Gitarren-Linesignals zusätzlich zum Mikrofonsignal? Habe ich die richtige Anzahl an Stativen und Kabeln? Habe ich das Know How bestimmte Instrumente aufzunehmen? (z.B. Bläser oder Percussion)

Fazit: In diesem Einstiegsblog konnten wir euch hoffentlich zeigen, dass viele Faktoren zu berücksichtigen sind, wenn ihr eine Band produzieren wollt. Wenn dies auch erfolgreich geschehen soll, beachtet die Vorphase der Produktion sehr genau! Geht strukturiert in die Produktionsvorbereitung! Notiert euch wichtige Fragen zu den Bereichen: Sozialstruktur der Band, Technik, Spielniveau und Songwriting. Geht mit der Band und euch selbst ehrlich um und nehmt euch für die Beobachtungen im Proberaum Zeit! Beantwortet euch die gestellten Fragen selbst und arbeitet erst dann weiter an der Band und dem Songmaterial, wenn ihr alle Fragen für euch zufriedenstellend beantworten konntet!

Hier geht es zum 2. Teil

Author: Birger Nießen

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