Der „moderne“ Musikproduzent Teil 2

Hier geht es zum 1. Teil

Vor der Produktion: Die Produktion beginnt beim Songwriting

Es mag hart klingen, aber „aus Scheiße machst Du kein Gold“. Der Produktionsprozess und das „Eingreifen“ des Produzenten beginnt nicht erst im Studio oder während einer Recordingsession, er beginnt kurz nachdem die Band einen Song fertig geschrieben hat und eigentlich denkt: „Das war’s! Die Nummer steht!“ Weit gefehlt, denn jetzt muss der vermeintlich fertige Songerguss auf Herz und Nieren geprüft werden, um dem Zielpublikum und den damit verbundenen Erwartungen zu gefallen. Hier kommt also der Produzent als zusätzliches Paar Ohren und einer eigenen Meinung hinzu!

Im ersten Teil des Blogs haben wir uns einen Überblick über die Phasen- und Beobachtungsebenen einer Band- oder Künstlerproduktion unterhalten. Nun gehen wir in die Tiefe und gehen davon aus: Die Band hat eine Handvoll Songs fertig und möchte diese mit einem Produzenten aufnehmen.

So könnte es laufen:

Die Band hat mir im Vorfeld mitgeteilt, wie viele Songs produziert werden sollen und welche Medien angestrebt werden (CD und Vinyl machen tatsächlich einen Unterschied – darauf komme ich in einem späteren Blog zurück). Ich bitte die Band mir Leadsheets sowie Texte Ihrer Stücke zukommen zu lassen. Optimalerweise zusammen. Die Leadsheets müssen dem aktuellen Stand des Songwritings entsprechen und geben mir Aufschluss über den Text, das Arrangement, Tempo, evtl. Breaks und Fills usw. Sie sind für mich auch optische Rückkopplung zum gespielten Song und ich kann sofort auf Augenhöhe mit der Band kommunizieren: „Geht doch noch mal in die Bridge!“ – „Das Fill nach dem 2. Refrain …“ usw. Was viel wichtiger ist: Ich kann den Titel des Songs nennen und mir schnelle Notizen machen.

Jetzt geht’s ans Eingemachte und vermutlich an eine der längsten Phasen während des Produktionsprozesses. Ich lasse mir jeden Song vorspielen und analysiere ihn auf 4 Ebenen:

  1.       Das Hören als Konsument
  2.       Die musikalische Ebene
  3.       Die Arrangement-Ebene
  4.       Der Live-Mix

 

Das Hören als Konsument

Ich lasse mir die Songs in einer beliebigen Reihenfolge vorspielen und bin ganz in der Rolle des Konzertbesuchers, Radiohörers, guten Kumpels, der mal den Probenraum besucht. Ich mache keine tiefgehenden Bewertungen der Musik. Ich notiere mir maximal, ob mir eine Nummer sehr gefällt oder einfach nicht zum Rest passt. Ich mache evtl. meinen persönlichen Hit aus. Vielleicht stelle ich auch fest, dass mir kein Song zusagt. Nur in diesem letzten Falle zieht ihr einen Schluss: Es ist Schluss. Keine Produktion bitte. In allen anderen Fällen, weiß ich jetzt, was mich erwartet und laufe nicht ins Blaue. Ich kann mich nun vielleicht als kritischen Fan der Band bezeichnen.

Die Leadsheets habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht angefasst.

Die musikalische Ebene

Nun geht es in die Tiefe! Hier kann Wissen über die Harmonielehre sehr hilfreich sein. Es geht um das analytische Hören der Musikstücke. Die Band spielt ihre Songs erneut und ich notiere mir Auffälligkeiten oder reine Beobachtungen zu folgenden Gesichtspunkten:

  • Melodie: Hat der Song eine schöne Hookmelodie – vorgetragen vom Gesang oder einem anderen Leadinstrument? Oder ist der Song monoton und zündet nicht bzw. erzeugt beim Hörer keinen Ohrwurm? Passiert vielleicht sogar zu viel und überfordert den Hörer, statt ihn mitzunehmen?
  • Harmonien: Abhängig vom Musikstil stellt sich die Frage, welche Harmonien wurden verwendet? Sind diese langweilige „Tonika, Dominant- und Subdominant – Gebilde“ oder hat der Songwriter schon mal etwas von „Modal Interchange“  gehört usw. Auch im Bezug unter den Songs kann das interessant werden: Ist jeder Song mit den gleichen Akkorden aufgebaut? Die passenden Harmonien erzeugen ebenso wie die Melodie Spannung oder Interesse. Und wenn wir mal eine Lanze für den Sänger brechen: Passt die Tonart überhaupt zur Stimme des Sängers?
  • Rhythmus: Wie ist der Beat oder Groove des Songs? Passt das, was Drummer und Bassist machen zur restlichen Musik? Ist es langweilig und eintönig? Der Herzschlag jeden Songs sollte passen! Auch hier kann man die Frage zu allen anderen Songs stellen: Ist der Rhythmus immer der Gleiche? Lohnt es sich, dass der Drummer den Song etwas schleppender Spielt? Hat die Nr. „Groove“?
  • Tempo: Wie ist das Tempo des Songs? Zu langsam? Zu schnell? Passt das Tempo zum Text? Könnte die Nr. schneller gespielt noch mehr Kraft entfalten?
  • Machtverhältnisse: Ein wichtiger Punkt, den man immer sehr früh betrachten sollte: Spielen Melodien oder Rhythmen gegeneinander an? Was bekämpft sich? Der Sänger hat während eines Solos bitte die Klappe zu halten! Der Gitarrist muss nicht 3.30 Min lang dudeln und so die Aufmerksamkeit vom Text nehmen usw. Melodie, Harmonien, Rhythmus und Tempo müssen eine sinnvolle, sich unterstützende Einheit bilden.

Natürlich könnten wir die musikalische Ebene noch tiefer betrachten, aber glaubt mir eines: Einen Song durch diese 5 Brillen zu betrachten, ist die halbe Miete!

 

Die Arrangement – Ebene

Zuvor muss ich euch eines beichten: Musikalische Ebene und Arrangement sind häufig nicht getrennt voneinander zu beobachten. Es kann aber ein interessanter Input sein, genau dies zu versuchen.

  • Songstruktur: Hat der Song eine klassische Struktur aus Intro / Verse / Chorus / Bridge / Outro etc.? Ist der Song insgesamt zu lang, weil sieben Verse und eine Bridge mit 3 Minuten doch zu viel sind? Stellt euch diese Frage auch abhängig vom Genre der Band! Eine Popproduktion hat da andere Anforderungen, als EDM oder Progressive-Metal.
  • Layer: Weiter oben haben ich dies mit „Machtverhältnissen“ bezeichnet. Hier weise ich noch einmal darauf hin: Gibt es Elemente, die sich gegenseitig verdecken und so um Aufmerksamkeit beim Hörer kämpfen?
  • Dynamik: Viele von euch werden diesen Beobachtungspunkt zu den musikalischen Elementen zählen, aber ich habe ihn bewusst zum Arrangement gepackt, weil mir der Einfluss auf die Spannungskurve eines Songs sehr wichtig ist. Ihr müsst euch hier die Frage stellen: Gibt es überhaupt eine dynamische Spannungskurve? Ist der Song vom ersten bis letzten Takt in gleicher Lautstärke gespielt? Spielen immer alle Instrumente oder nehmen sich Musiker in verschiedenen Songteilen auch mal zurück?
  • Instrumentierung: Nicht zu verachten! Wie ist der Song in den einzelnen Teilen instrumentiert? Was kann man hier ändern, um die oben genannten Aspekte zu verbessern? Fehlt etwas? Wo gibt es Löcher in der Songstruktur? Welche Parts klingen dünn? Müssen es unbedingt drei „Bratgitarren“ sein?!
  • Gimmicks: Was wäre die Welt ohne die kleinen Sahnhäubchen und Kirschen?! Auch diese sollten sich im Song befinden! Gibt es eine Generalpause bevor der Song ausbricht? Ändert sich das Tempo (Natürlich beabsichtigt!)? Darf der Drummer hier und da Fills einsetzen? Arbeitet die Band mit Samples und kann auch hier mal einen Flyer etc. abfeuern? Seid kreativ!

 

Der Live-Mix

Ihr werdet es nicht glauben, aber häufig mache ich mir schon bei den Proben der Band Gedanken zum späteren Mix, denn „Fix it in the mix, bringt nix!“

Die Band spielt und ihr beurteilt:

 

  • Timbre: Welche Sounds werden verwendet? Sind diese passend? Wie muss nachgeholfen werden, um einen Songpart zu featuren? Passen die genutzten Effekte des Gitarristen zum Song? Passt die Delayeinstellung des Gitarristen zum Songtempo? Passt der Drumsound?
  • Layer: Huch! Schon wieder Layer? Ja! Prägt es euch ein! Bekämpfende Instrumente oder Songparts MÜSSEN ausgemerzt werden! Kein Mix der Welt wird funktionieren, wenn drei Elemente im Vordergrund dudeln!
  • Mikrotiming/Timing: Wie war das noch? Timing ist keine Stadt in China! Timing ist das, was einen Song zur Einheit macht: Spielen Bassist und Drummer zusammen? Wie verhalten sich Bassdrum und Bass zueinander? Spielen die Musiker timingsauber miteinander? Hierzu zählt auch das Mikrotiming – Können die Musiker miteinander treibend oder laid-back spielen? (Proben! Proben! Proben!)

Ihr seht: Der Prozess im Probenraum ist essentiell! Ihr kommt nicht darum herum! Hört hin! Notiert! Habt ihr gehört und notiert: Lasst eure Beobachtungen sacken! Geht ein Bier trinken und geht dann mit der Band „in medias res!“ Kommt erst zur Sache, wenn ihr eure Gedanken niedergeschrieben habt. Notiert euch neben Beobachtungen auch Vorschläge! Seid konstruktiv-kritisch! Macht Einwände, aber hört auch den Argumenten des Musiker zu. Seid so gut vorbereitet, dass ihr eure kritischen Anmerkungen erklären könnt.

Diesen benannten Prozess macht ihr nicht an einem Tag oder während einer Probe durch. Nehmt euch Zeit. Bekommt ein Feeling für die Musik. Vielleicht ist das benannte Vorgehen nicht das Richtige für euch, aber es kann ein Anhaltspunkt sein. Manche Bereiche verschwimmen und lassen sich nicht unabhängig voneinander betrachten. Egal! Macht euch bewusst, dass ihr tiefer schauen müsst als der Konsument – dennoch auch durch die Konsumentenbrille schaut.

Ein letzter Tipp: Macht Pausen! Nur so gebt ihr eurem Hirn und euren Ohren ein Reset! Nichts ist schlimmer, als wenn der Produzent betriebsblind wird. Das ist die Band nach dem Songwritingprozess ja häufig schon. Also: PAUSEN, PAUSEN, PAUSEN!

Author: Birger Nießen

Hier geht es zum 3. Teil

 

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