Der „moderne“ Musikproduzent Teil 4

Das Produzentenworkout – Übung macht den Meister

Nachdem wir uns in den ersten drei Teilen dieser Blog-Reihe mit den Phasen der Musikproduktion, der Kommunikation mit Bands und Bandmitgliedern sowie der Analyse von Musikstücken beschäftigt haben, springen wir nun kurz etwas weiter in die Vergangenheit. Um genauer zu sein zu dem Punkt, an dem ihr die Entscheidung getroffen habt, Produzent zu sein. Vielleicht nicht bewusst, aber dennoch mit der Absicht, Musik in Form zu bringen und euren Stempel aufzudrücken. Zu diesem Zeitpunkt war euer Werkzeug- und Methodenköfferchen vermutlich noch recht übersichtlich bis gar nicht gefüllt. Dies habt ihr mit der Zeit mehr oder weniger bewusst befüllen können. Worauf kommt es an?

Heute soll es um das “richtige” und “analytische” Hören, sowie um euer “Musikproduzententraining” gehen. Training? Ja, richtig! Wie ihr bereits in den vorherigen Teilen gelesen und auch sicher in eurer Arbeit erfahren habt, kommt mit der Erfahrung auch das Können. Und umgekehrt. Gehör, Gespür und Methoden müssen trainiert werden.  Setzen wir uns doch einmal bewusst damit auseinander:

Höre Musik analytisch! Analytisch Musik hören? Machen wir das nicht ständig? Eher nein! Der Otto-Normalkonsument, der Standartradiohörer oder Nichtmusiker wird sich vermutlich nicht tiefergehend mit Rhythmus, Melodie, Tempo, Arrangement, Instrumentierung, Sounddesign usw. beschäftigen. Er hört Musik zur Entspannung, zum Füllen von Stille, zum Feiern, tanzen etc. Er findet einen Song “geil”, “gut” oder “scheiße”, wird euch grob erklären können warum. Oder auch nicht. Er nutzt eigene Beobachtungskriterien und eine andere Sprache. Halt… kommt euch das bekannt vor? Richtig! Ein Blick in den 2. Teil der Serie lohnt! Dort haben wir uns mit diesen Beobachtungskriterien auseinandergesetzt. Die Folge für euer Trainingsprogramm: Schult eure Ohren! Hört euch verschiedene Musikstile aufgrund der oben (und in Teil 2) benannten Merkmale an. Lernt von anderen Musikern und Produzenten! Wie haben die Musikproduktion umgesetzt? Macht euch Notizen! Wie hättet Ihr eine Situation gelöst? Im Netz findet ihr außerdem viele Produzenteninterviews, in denen viele wertvolle Tipps fallen gelassen werden. Hebt sie auf!

 

Höre Musik bewusst und zielgerichtet! Musik finden wir an jeder Ecke. In jeder Situation. Meist hören wir nicht richtig hin. Wer von euch setzt sich bewusst vor seine Musikanlage und hört zu. Bewusstes hören ist eine wichtige Kompetenz des Musikproduzenten. Darum: Setzt euch hin und hört verschiedene Musikstile. Nutzt Plattformen wie Youtube, Spotify etc., um euch in verschiedene Genres einzuhören. Natürlich ist es sinnvoll sich hauptsächlich in den Stil einzuhören, den man produzieren möchte. Hört vor Allem in die amerikanischen Charts. Häufig sind uns die Amis 1-2 Jahre voraus und Stile schwappen über den großen Teich nach Deutschland. Dies gilt natürlich vorrangig für moderne Popmusik. Solltet ihr euch in der Weltmusik bewegen, kann es da ganz andere Influencer oder Vorreiter geben. Beobachtet den Musikmarkt!

Höre Musik beiläufig! Ups! Das ist doch ein Widerspruch zu Punkt 2! Jain… würde ich sagen. Natürlich hörst Du Musik auch beiläufig. Gerade wenn es um eigene Arbeiten, Recordings und Mixe geht, kann beiläufiges Hören sehr viel bringen. Höre Deine eigene Produktion beim Bügeln oder während Du kochst. Im Auto… vielleicht beim Joggen. Manchmal kommt hier die Erkenntnis… Vielleicht sticht ein Teil hervor, den wir im Rahmen unserer Betriebsblindheit nicht gesehen haben. Wer weiß?! Warum nicht mal ein Buch lesen, während man seinen eigenen Werken lauscht? Oder denen der Anderen?!

 

Übt Recording und Szenarien! Irgendwann habt ihr eine Idee vom Sound der Band. Habt ihr keinen wirklich guten Recordingengineer zur Hand oder gehen wir mal davon aus, dass ihr alle Jobs in eurer Person vereint, solltet ihr wissen, welches Mikro, welche Mikroposition, welcher Preamp, wie Raumakustik sich auswirken können, um einen Wunschsound zu erzielen. Folglich: Beschäftigt euch mit Tontechnik, Recording und der DAW, mit der ihr arbeitet! Folgende Bücher können euch da sicher helfen:

 

“Aufnehmen wie die Profis – Das Handbuch für Toningenieure” von Bobby Owsinski.
Erschienen bei GC Carstensen, ISBN: 978-3910098404

“1001 Recording Tipps” von Carsten Kaiser
Erschienen bei mitp, ISBN: 978-3826675638

“Recording Secrets” von Mike Senior
Erschienen bei mitp, ISBN: 978-3958450783

“Studio Akustik – Konzepte für besseren Klang” von Andreas Friesecke
Erschienen bei PPV Medien. ISBN: 978-3-941531-19-2



Auch hier macht Übung den Meister! Testet doch mal verschiedene Mikropositionen oder Mikros bei der Aufnahme einer Akustikgitarre! Wie klingt eine, mit einem Handtuch abgedämpfte Snare? Nehmt Vocals auf! Warum eine Snare nichz Badezimmer aufnehmen? Probieren, probieren, probieren! Irgendwann füllt sich euer Handwerksköfferchen und ihr habt Lösungen parat. Vielleicht seid ihr dann auch offen für unkonventionelle Ideen. Nachher fragt niemand, wie ihr den geilen Sound hinbekommen habt. Das wisst dann nur ihr. Mit dem entsprechenden Backgroundwissen könnt ihr jedoch die Grundlagen für eine erfolgreiche Produktion legen, was Recording, Mix und Mastering anbelangt.

 

Beschäftigt euch mit Harmonielehre! Eure Arbeit und die Kommunikation mit professionellen Musikern wird um einiges leichter, wenn ihr auf gleichem Niveau und mit gleichem Hintergrundwissen arbeitet. Heißt: Beschäftigt euch mit Harmonielehre und kennt zumindest die Grundlagen. Ein gutes Buch, welches euch hierbei helfen kann:

“Die neue Harmonielehre” von Frank Haunschild.
Erschienen beim AMA Verlag, ISBN: 978-3-927190-00-9

 

Kennt eure Recordingsoft- und Hardware! Nichts ist peinlicher, als wenn ihr während der Recordingsession erst 20 Minuten nach dem Aufnahmebutton suchen müsst oder nicht wisst, wie ihr neue Spuren anlegt. Kennt eure Software! Wisst, wie ihr Verkabelt oder das Routing vornehmz. Kennt auch hier die nötigen Werkzeuge! Schaut euch Tutorials an, nehmt an Remix/Mixwettbewerben teil und produziert eigene Musik. Mit jedem aufkommenden Problem, lernt ihr weiter und seid bald PRO in eurer Arbeitsumgebung! Folgende Webseiten bieten häufige Remixwettbewerbe oder Stems zum Mixen an:

www.mixinghub.com

https://splice.com/explore/contests

https://www.indabamusic.com/

https://metapop.com/

https://skiomusic.com/

 

Folgende Bücher helfen euch dabei, euch das nötige Mixingknowhow zu verschaffen:

“Mischen wie die Profis – Das Handbuch für Toningenieure” von Bobby Owsinski.
Erschienen bei GC Carstensen, ISBN: 978-3910098442

“Mixing Secrets” von Mike Senior.
Erschienen bei mitp, ISBN: 978-3826691799


Findet euren eigenen Sound! Das ist ja mal ein Tipp: Finde Deinen eigenen Sound. Wie soll man das machen? Du hast irgendwann Deine Stilrichtung gefunden. Zunächst kopierst Du. Das ist völlig ok. Nutze auch Tools wie REFERENCE von Mastering the Mix (siehe Review auf Audiosteps), um deine Produktionen mit Anderen zu vergleichen. Doch bald stellt sich die Frage: Was kommt dann? Vielleicht kannst Du Elemente verschiedener Stile kombinieren? Ist es Deine Stärke schöne Melodielinien zu komponieren? Baue dies aus? Hast Du ein Gespür für Sounds? Baue dies aus. Den eigenen Sound zu finden ist vermutlich das schwierigste Unterfangen. Aber: Durch analytisches Hören und den technischen Background wirst Du alle Grundlagen schaffen, einen eigenen Sound zu finden. Vielleicht kannst Du dies auch irgendwann benennen! Würde ich auf meine Produktionen achten, würde ich mittlerweile anbringen, dass mein Markenzeichen warme Synthies, Streicher und unerwartete Generalpausen sind 😉 Hat auch ein bisschen gedauert, bis ich das begriffen habe. Ehrlich gesagt, musste mir das erst jemand erklären

Zuletzt: Nehmt es sportlich! Übung macht auch hier den Meister! Übt im Probenraum, im Auto – gerne über eure Studioabhöre, denn diese solltet ihr sehr gut kennen. Spielt ein Instrument und hört Musik analytisch. Jeder Rückschlag ist eine Chance etwas zu lernen. Lasst euch nicht entmutigen und glaubt an euch. Musik ist Geschmackssache. Seid Fan eurer eigenen Arbeit, geht aber auch kritisch mit euch ins Gericht.
Ich sprach am Anfang dieses Artikels von einem Blick in die Vergangenheit. Ich habe gelogen. Eigentlich müsst ihr euch immer, also auch in Gegenwart und Zukunft mit diesen Dingen auseinandersetzen. Nur so bleibt ihr am Ball. Alles ist im Wandel.

Author: Birger Nießen

(Visited 100 times, 1 visits today)

Das könnte Dich auch interessieren: