Der „moderne“ Musikproduzent Teil 3

Hier geht es zum 2. Teil

Vor der Produktion: Die Kommunikation entscheidet

Ihr kommuniziert jeden Tag. Verbal. Nonverbal. Es gibt keinen Moment in der Interaktion zwischen Menschen, in dem nicht kommuniziert wird. Worte haben Gewicht. Genauso kann eine einfache Geste, ein Blick oder Geräusch eurerseits beim gegenüber wahrgenommen und interpretiert werden. Selbst das Schweigen transportiert eine Botschaft. Im Proberaum oder Studio können mit diesem Wissen Brücken geschlagen, Kompromisse gefunden und unnötige Situationen vermieden oder abgeschwächt werden.

Die Kommunikation mit der Band hat bereits mit der Anfrage durch die Band oder euch begonnen. Ihr erhaltet eine Mail oder einen Anruf mit Fragen und müsst Rede und Antwort stehen. Je häufiger ihr solche Situationen erlebt habt, desto besser und eloquenter gehen euch die Antworten von der Hand. Es gilt sich als Profi zu verkaufen. Jede vermeintlich dumme Frage ist keine. Es gibt keine dummen Fragen – nur dumme Antworten. Seid also vorbereitet und bleibt gelassen.

Solltet ihr die Band von euch überzeugt haben und auch im persönlichen Erstgespräch gepunktet haben, habt ihr eine sehr wertvolle Situation erreicht:

Die Band hat eine gemeinsame Entscheidung getroffen und scheinbar sind alle Bandmitglieder auf dem gleichen Weg! Die Band hat sich für einen Produzenten entschieden, damit dieser mit der Band an das Allerheiligste geht: Die Songs der Gruppe. Hier beginnt die Augenhöhe. Jetzt nur nichts versauen.

(Als Mitmusiker und Produzent in einer Person seid ihr natürlich in einen anderen Situation. In einem Folgeblog werde ich auf diese besondere Situation eingehen.)

Kommunikation beginnt also quasi mit dem Klingeln eures Telefons oder dem Abrufen der Mail und setzt sich noch intensiver im Proberaum und Studio fort.

Wie funktioniert Kommunikation und wie könnt ihr sinnstiftend kommunizieren?

Schauen wir uns Kommunikation im Detail an: 

In einer Kommunikation befinden sich mindestens zwei Akteure. Der Sender, der eine Botschaft hat, diese codiert verschickt und ein Empfänger, der diese Botschaft empfängt, entschlüsselt und interpretiert. In der Kommunikation kann es immer wieder zu Störungen kommen, die Kommunikation scheitern lassen: Missverständnisse, widersprüchliche Signale etc.

Dieses Modell fußt auf den Mathematikern Claude Shannon und Warren Weaver und wurde im Rahmen der Kommunikationswissenschaften von Paul Watzlawick und Stuart Hall aufgegriffen. Heute gilt in der Kommunikationswissenschaft folgendes Prinzip:

Gedacht ist nicht gesagt, gesagt ist nicht gehört, gehört ist nicht verstanden, verstanden ist nicht gewollt, gewollt ist nicht gekonnt, gekonnt und gewollt ist nicht getan und getan ist nicht beibehalten. (Paul Watzlawick)

Mit dem Wissen, dass in unserer Kommunikation einiges schief gehen kann und es immer Sender und Empfänger für gelungene oder misslungene Kommunikation braucht, könnten folgende Tipps helfen, mit dem empfindsamen Künstlern im Proberaum umzugehen:

  1. Stimmlage, Lautstärke und verbaler Ausdruck sollten zueinander passen. Wie gesagt: Ihr kommuniziert verbal und nonverbal. Versucht in allen Situationen ruhig zu bleiben. Bleibt stets freundlich und erklärt Dinge auch mehrmals. Unterstreicht eure Kommunikation mit passenden Gesten. Achtet auf eure Körpersprache.
  2. Das Modell des Senders und Empfängers kann eure Kommunikation verbessern. Mit diesem Wissen, seid ihr in der Lage, euch auf eine Metaebene zu begeben. Sprecht ein Kommunikationsproblem an. Brecht aus der Spirale der Misskommunikation aus und werdet deutlich: „Moment! Ich habe das Gefühl, hier liegt ein Missverständnis vor / ich habe mich falsch ausgedrückt…“. Sprecht über die Art und Weise eurer Kommunikation – nicht über den Inhalt.
  3. Wechselt die Perspektive: Warum könnte sich mein gegenüber so verhalten, wie er sich verhält? Was lässt ihn reagieren, wie er reagiert? Zeigt Empathie! Ihr habt mit dem Job des Produzenten eine sehr gewichtige Rolle im Dasein der Band erhalten. Ihr sollt die Kreativität und Produkte der Band bearbeiten. Wer lässt sowas ohne eigene Gefühle zu? (Die Perspektive macht den Unterschied!)
  4. Hinterfrage den „Code“ der Kommunikation: Was will mir mein Gegenüber sagen? Reden wir über das Gleiche? Habe ich oder mein Gegenüber das nötige Fach- oder Detailwissen? Es gibt keine blöden Fragen – nur… ja , ja,… ihr wisst schon.
  5. Achtet auf Feedback und lasst es zu: Wie reagiert mein Gegenüber? Lasst ihn aussprechen! Er hat eine Meinung oder eine andere Idee dazu. Hat euer Gegenüber etwas nicht oder falsch verstanden, sagt er euch das vielleicht nicht, sondern schaut verwirrt drein. Reagiert darauf! Beendet das Gespräch nicht! Nehmt euch Zeit und erklärt, was zu erklären ist.
  6. Lasst auch andere Argumente zu und nehmt diese an. Vielleicht hat jemand doch eine bessere Idee als ihr?! Dann seid ihr nicht schlechter. Ihr habt mit euren Vorschlägen doch einen Weg bereitet.
  7. Beachtet: „Aber“ und „Obwohl“ sind mit Vorsicht zu verwenden! Sie wischen das Vorhergegangene häufig weg. („Du bist ein super Gitarrist, aber …“)
  8. Denkt nach, bevor ihr etwas sagt. Niemand nimmt es euch übel, wenn ihr um kurze Bedenkzeit bittet.
  9. Verwendet in schriftlicher Kommunikation Emoticons, um Aussagen zu unterstreichen.
  10. Sprecht mit „Ich-Botschaften“!

Diesen 10. Punkt müssen wir uns im Detail anschauen, weil er wichtig ist und vermutlich am praktischsten, mit Übung, umgesetzt werden kann!

Sogenannten ICH-Botschaften wird eine deeskalierende Wirkung zugerechnet. („Ich fühle mich übergangen, wenn ihr mich nicht zu Wort kommen lasst.“) DU-Botschaften können als direkter Angriff verstanden werden („Du bist rücksichtslos!“).

Ich-Botschaften haben drei Vorteile gegenüber Du-Botschaften:

  1. Der Empfänger erfährt etwas über die tatsächlichen Gefühle des Empfängers.
  2. Der Empfänger muss sich nicht verteidigen, weil er nicht angegriffen wird.
  3. Eine Diskussion darüber wer Recht hat, kann vermieden werden.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ich-Botschaft)

ICH – Botschaften zu senden, benötigt sicher einiges an Erfahrung. Jedoch lohnt die Auseinandersetzung damit und kann auch im Probenraum/Studio etc. Situationen retten.

Ihr seht: Kommunikation hat viele Facetten und es wurden Bücher über gelungene Kommunikation geschrieben. Dies ist ein kleiner, sehr kleiner Einblick in ein weites Feld. Misslungene Kommunikation werden ihr so nicht immer verhindern, aber ihr könnt dieser Entgegenwirken und macht euch Gedanken über euer Auftreten und eure Gesprächspartner. Auf eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Author: Birger Nießen

(Visited 112 times, 1 visits today)

Das könnte Dich auch interessieren: